IDM der EUROPE Segler vor Schilksee – Deutsche Meisterin 2019! Innensicht: Intensive Vorbereitung für drei Tage Segeln vor Kiel

Die Innensicht eines Erfolges bleibt in den meisten Berichten verborgen. Die Deutsche Meisterin bestätigt, dass Segeln alleine nicht ausreicht, um ganz vorne mit dabei zu sein. Auf Nachfragen kommt heraus: Erfolg ist kein Zufall, sondern eine Leistung. Ein Jahr intensive Vorbereitungen werden zur optimalen Voraussetzung, wenn der sportliche Wille immer da ist. Ihre persönlichen Erfahrungen und Gedanken während der Meisterschaft beschreibt die Seglerin so: Mit dem Ziel, mal wieder auf dem Treppchen zu stehen (das letzte Mal erreichte ich 2012 den dritten Platz bei der IDM), bereitete ich mich über Monate mit nahezu täglichem Ausdauer- und Krafttraining gezielt auf den Höhepunkt meiner Saison, die Internationale Deutsche Meisterschaft in der Kieler Bucht vor Schilksee / Strande, vor. Auch wenn ein leichter Erkältungsinfekt eine Woche vor der Meisterschaft mich dazu zwang, die letzten Trainingstage anders als geplant zu absolvieren, fühlte ich mich top fit.

Ich reiste schon am Montag nach Kiel, um den Dienstag als Trainingstag vor Ort zu nutzen, bevor die Meisterschaft dann ab Mittwoch mit der Vermessung starten sollte. Um mich selbst zu überlisten und sicher zu stellen, dass ich auch bei nicht so optimalen Bedingungen auf jeden Fall segeln gehen würde, hatte ich mich für das Vortraining bei Harald Weichert angemeldet. Bei super Bedingungen, zumindest wind- und wellentechnisch (mit 2-4 Bft. aus Nordost bei unter 10°C), hatte ich in zwei Trainingseinheiten die Gelegenheit meinen Speed, insbesondere auf der Kreuz und dem Vorwind, auf die Welle einzustellen und zu optimieren. Es machte wahnsinnig Spaß, wieder auf der Ostsee und bei Welle unterwegs zu sein! Äußerst zufrieden und mit Zuversicht packte ich am Abend meine Sachen zusammen.
Nach einem ruhigen Pausentag am Mittwoch und dem obligatorischen Vermessungsprozedere startete ich am Donnerstag hoch motiviert in den ersten Wettfahrttag. Wir hatten Welle aus Ost und linksdrehende, über den Tag immer weiter abnehmende Winde aus Nordost bzw. Nord. Genau die Bedingungen, bei denen ich im Vortraining, auch bei der Kabbelwelle direkt vor Schilksee auf der Medien-Bahn, perfekt zu Recht gekommen war. Der Speed am Start und auf der Kreuz war gut, nur auf dem Vorwind fand ich nur schwer in das Wellenbild. Eine weitere Schwierigkeit waren auch die großen Seegras-Felder. Vom ersten Seegras, direkt nach Tonne 2 (Outerloop), wurden noch alle überrascht. Eine ganze Hand voll Seegras am Schwert und eine weitere am Ruder bremsen schon immens. Ab dem zweiten Vorwind versuchte ich, durch Aufstehen und gezieltes Ausschauhalten, die Lücken in den Feldern zu finden und diese zu nutzen. Die Strategie ging auf. Ich landete direkt, hinter Marisa Roch, auf dem 2. Platz.
Im zweiten Rennen waren die Bedingungen ähnlich, nur dass der Wind auf dem Outerloop stark nach links drehte. Mir kam sehr zu Gute, dass ich mir an der Leetonne noch den Innenraum vor Tania Tammling und Marisa gesichert hatte, sodass ich nach der Leetonnenrundung, ohne zu wenden als Führende an der Luvtonne ankam. Das Rennen war dann nur noch Straßenbahn und ich konnte meinen ersten Sieg feiern.
Da der Wind total einbrach, hatten wir erstmal eine Stunde Startverschiebung auf dem Wasser. Bei einer Lufttemperatur von 8°C sind auch 3 kts Wind ziemlich kalt. Der Wind stabilisierte sich irgendwann auf 8-10 kts, wobei er in der Richtung stark pendelte und immer wieder frisch von der einen oder anderen Seite einsetzte. Der Start war mäßig, auf der rechten Seite schien der Wind aber stärker und ich orientierte mich dort hin, auch wenn meine direkte Konkurrentin genau das Gegenteil tat. Es zahlte sich aus, ich erreichte die Luvtonne als Dritte. Auf dem ersten Vorwind konnte ich gegenüber den wesentlich leichteren Seglerinnen vor mir (Ida Otte und Katharina von Schleinitz) nichts ausrichten. Auf dem zweiten Vorwind konnte ich eine bessere Wellentechnik umsetzen und überholte Katharina. Auf der Zielkreuz schaffte ich es dann sogar noch Ida einzuholen und hatte damit den nächsten Sieg in der Tasche. Marisa und Tania (meine stärksten Gegnerinnen) fuhren in diesem Rennen mit Platz 7 und 8 schon ihre ersten Streicher, damit lag ich am Ende des Tages auf Rang 1. Ich erlaubte mir nicht daran zu denken, dass ich diese Meisterschaft gewinnen könnte. Allzu oft hatte ich mir bei kleinen Regatten, in Führung liegend, am zweiten Tag doch noch alles kaputt gemacht.
Am nächsten Tag hatten wir südliche Winde, etwas stärker als am Vortag und laut der Vorhersage über den Tag zunehmend auf 4 Bft. Ich hatte mit Hilfe von Harald meinen Speed auf der Kreuz noch einmal optimiert und auch über den in der Bucht „kreisenden“ Strom aus Richtung der Innenförde gesprochen. Für die Kreuz nahm ich mir vor, Speed auf Steuerbord – Höhe auf Backbord, um den Strom möglichst so zu nutzen, dass er mich nach Luv versetzt. Ich rundete die Luvtonne wieder in den Top 5 und fuhr zusammen mit Marisa, die insgesamt auf dem 2. Platz lag, die zweite Kreuz eher über die linke Seite. Mit einem starken Dreher von der rechten Seite, wurden wir noch von einer Seglerin überholt und landeten letztendlich auf den Plätzen 2 (Marisa) und 3 (ich). Tania fuhr sich mit einem 7. Platz ein zweites schlechtes Ergebnis (es gab nur einen Streicher) ein, was sie insgesamt wesentlich ungefährlicher für mich machte. Das fünfte Rennen hätte nicht besser laufen können, nach einem guten Start hatte ich freie Winde und einen guten Speed, auch wenn ich nicht als erste die Luvtonne rundete, konnte ich auf den Vorwind-Kursen so viel gut machen, dass ich das Rennen vor Tania gewann. Marisa fuhr in diesem Rennen Ihren Streicher, womit Sie den 7. Platz aus dem dritten Rennen mit in die Wertung nehmen musste. Ohne die genauen Platzierungen von Marisa und Tania an diesem Tag zu wissen, war mir klar, dass ich bisher die Einzige war, die nur Top-3 Platzierungen und noch keinen einzigen Streicher in den Ergebnissen stehen hatte. Man soll den Tag jedoch nicht vor dem Abend loben, also verbot ich mir weiter darüber nachzudenken.
Der Wind nahm weiter zu, sodass wir drei (Marisa, Tania und ich) fast schon unser eigenes Rennen fuhren. Tania ist bei solchen Bedingungen auf der Kreuz extrem schnell und Marisa kann auf dem Vorwind kaum jemand das Wasser reichen. Tania gewann das Rennen, Marisa wurde Zweite und ich konnte den dritten Platz als weiteres Top-3 Ergebnis für mich verbuchen. Am Ende dieses Wettfahrttages führte ich mit insgesamt 8 Punkten, vor Marisa mit 15 und Tania mit 18 Punkten. Rein rechnerisch musste ich mir also schon echt einige schlechte Plätze leisten, um meine Führung in den weiteren drei angesetzten Wettfahren für den nächsten Tag zu verlieren.
Die Vorhersage für den letzten Tag war Ostwind mit 20-25 kts, in Böen allerdings auch 30 kts oder mehr. Über Nacht war der Wind ebenfalls etwas stärker, sodass eine richtig schöne lange Welle in der Bucht stand. Leider waren die starken Böen und der Wellengang dann auch erstmal Grund für Startverschiebung an Land. Aus mehreren Richtungen hörte man, dass es wohl schwierig sein würde, Start- und Zielschiff zu verankern. Auf jeden Fall wollte die Wettfahrtleitung darauf warten, dass die Spitzengeschwindigkeiten des Windes noch etwas abnehmen. Bis um 12 Uhr hieß es also erstmal Zeit vertreiben. Ganz unverhofft fiel mir das relativ leicht, da mein Trainer (für Kraft und Ausdauer) und ein Teil meiner Trainingsgruppe aus der Heimat auf einmal vor mir standen. Sie hatten drei Stunden Fahrt auf sich genommen, um vor Ort mitzufiebern!
Um halb eins ging es dann raus. Die Welle war, wie vermutet, richtig schön lang und der Wind auch stark genug, sodass wir Pumpen durften. Ich rundete die Luvtonne als erste, fand auf der ersten Hälfte des Vorwindkurses jedoch nicht so gut in das Wellenbild, sodass die an zweiter Stelle liegende Nadja Kopp (insgesamt auf Platz 4 liegend) den Abstand deutlich verkürzen konnte. Am Ende der zweiten Kreuz bekam Sie noch einen leichten Dreher von links und rundete damit vor mir. Gemeinsam rauschten wir die lange Welle runter, wobei Nadja schneller ins Wellenbild fand als ich. Damit gewann Sie das Rennen und ich wurde Zweite. Mit dem Ergebnis stand beinahe fest: Ich würde Deutsche Meisterin werden!
Frei von jeglichem Druck konnte ich das nächste Rennen starten. Irgendwie habe ich es auf der ersten Kreuz, auf Platz drei liegend, dann geschafft, mir die linke Seite meines Nackens zu zerren. Auf Steuerbordbug hängen und arbeiten ging nicht mehr ohne Schmerzen. Ich war zwar nicht langsam, aber im Vergleich schon deutlich beeinträchtigt. Auch der Vorwind war nicht ganz schmerzfrei, wobei ich durch Halsen wenigstens den anderen Arm zum Pumpen nutzen konnte. Mit geringerem Speed auf der Kreuz fiel ich auf den 5. Platz zurück und brachte diesen dann auch ins Ziel. Ein weiteres Rennen war nicht mehr vorgesehen.
Als schlechtestes Ergebnis einen fünften Platz und Deutsche Meisterin, so richtig konnte ich das beim Reinfahren noch nicht glauben. Ich übersah auch prompt meinen Vater und meine Trainingsgruppe, die an der Hafeneinfahrt am Steg standen und wohl laut gerufen haben. Schlussendlich die goldene Medaille überreicht zu bekommen war wunderbar! Platz zwei ging an Marisa Roch (KYC), Platz drei an Tania Tammling (SVAOE).
Zu aller erst gilt der Dank meiner Familie, die mir das Segeln beibrachte, mich jahrelang zu allen Regatten begleitete und mich in allem was ich mir vornahm immer unterstützt hat. Weiterhin möchte ich mich ganz herzlich bei Harald Weichert bedanken, der mir als Trainer auf dem Wasser durchgängig die Sicherheit gegeben hat, dass ich das schaffen kann und der mir besonders geholfen hat, das letzte Prozent an Speed auf der Kreuz zu realisieren. Ein großes Dankeschön geht auch an Jan, meinem Trainer aus Hannover, der mich mit seinem Trainingsplan perfekt auf meinen sportlichen Saisonhöhepunkt vorbereitet hat. Danke auch an die dazugehörige Trainingsgruppe, die immer da war, damit ich mich nicht alleine zu den angesetzten Trainingseinheiten motivieren musste.
Liebe Grüße sende ich an meinen Verein, die Baltische Segler-Vereinigung in Steinhude. Die BSV ist für mich, insbesondere an Wochenende an denen ich nicht unterwegs bin, eine zweite Heimat, in der das entspannte Clubleben und das Engagement vieler Ehrenamtlicher dazu beitragen, dass mir das Segeln insgesamt so viel Freude bereitet.  

Nadine Möller

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